Immer geradeaus gen Osten

30. Oktober 2014 | Von | Kategorie: Die Reportage, Europa

Eine Schienenkreuzfahrt zwischen Weichsel und Memel – mit dem Nostalgie-Sonderzug „Classic Courier“

Esperanto Erfinder Ludwik Lejzer Zamenhof

„Bjalistoko estas la plej bela urbo de la mondo.“ Nun ja, die schönste Stadt der Welt ist Bialystok im hintersten Nordosten Polens sicherlich nicht, auch wenn die einstige Residenz- und Handelsmetropole ein charmantes Schloss, sehenswerte Kirchen und Parkanlagen zu bieten hat. Der euphorische Satz von Gästeführerin Katarzyna am Denkmal für Ludwik Lejzer Zamenhof soll auch vornehmlich demonstrieren, wie leicht verständlich die Plansprache Esperanto ist. Hier in der Hauptstadt Podlasiens kurz vor der weißrussischen Grenze wurde der spätere Augenarzt und Philologe 1859 geboren. „Bis zu seinem 14. Lebensjahr wuchs er in Bialystok auf, später in Warschau“, erzählt Katarzyna: „In seinem Elternhaus wurde polnisch, russisch und jiddisch gesprochen. Sein Vater war Lehrer für Deutsch und Französisch. Der kleine Lejzer war der Meinung, dass das alles viel zu kompliziert sei und Erwachsene sich doch ganz einfach mittels einer Sprache verständigen und verstehen müssten.“ So erfand Zamenhof „Esperanto“ und veröffentlichte 1887 ein Lehrbuch mit nur 17 Regeln. „Leider hat sich die Sprache nicht durchgesetzt“, sagt Katarzyna: „Doch viele Sehenswürdigkeiten unserer Stadt sind mit Informationstafeln in Polnisch, Englisch und Esperanto ausgeschildert.“ Im „Classic Courier“, mit dem wir am Abend zuvor in Bialystok eingetroffen sind, wird deutsch gesprochen, was doch allen Passagieren geläufiger ist.

 Nostalgie-Sonderzug SDZ 1347 ist abfahrtbereit.

Berlin-Hauptbahnhof vor zwei Tagen. Gleis 12. „Warschau – Nostalgie-Sonderzug SDZ 1347“ steht auf der Anzeigetafel. Punkt 14 Uhr rollt eine blank polierte beige-blaue Elektrolok mit zehn dunkelblauen Waggons im Schlepptau ein. Die sechs Schnellzug-Abteilwagen stammen aus den 1960er und 70er Jahren. Von den vier Gesellschaftswaggons datiert der älteste, der „blaue Restaurantwagen“, sogar schon von 1940. Wir beziehen unser Abteil in der ersten Klasse: sechs rote Stoffsitze mit goldfarbenen Kopfschonern, dunkel gemusterter Teppichboden, zwei Klapptischchen unterhalb des Fensters, dazwischen ein Müllbehälter in derselben messingfarbenen Lackierung wie die Gepäckablagen. Ein wenig mehr Beinfreiheit gibt es in den blau möblierten Clubabteilen, die nur mit vier Sitzen ausgestattet sind. Dort haben maximal vier Personen Platz. Die Mittelsitze sind gegen zwei niedrige Tische ausgetauscht. „Nicht hinauslehnen“ steht auf einem etwas abgeblätterten weißen Schild am Fenster. Nicht in Esperanto, sondern in Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch. Die goldgelb schimmernde Gardine flattert im Fahrtwind, als der Zug über die Museumsinsel und schließlich am „Alex“ vorbei zuckelt. Bordreiseleiter Martin Sikorski heißt die neu hinzugestiegenen Reisenden willkommen. Bereits um sechs Uhr morgens startete die Bahn im Ruhrgebiet und sammelte unterwegs Gäste ein. In Frankfurt/Oder steigen die letzten der 230 Passagiere zu. Die deutsche wird gegen eine polnische E-Lok ausgetauscht.

Classic Courier Clubabteil

Classic Courier Clubabteil

Die nächste Durchsage: Restaurantchef Adrian Klaric bittet zum Abendessen in den „roten Speisewagen“. Da der Zugbetreiber in Baden-Württemberg ansässig ist, tischt die Küchencrew am ersten Abend noch Spätzle auf. In den nächsten Tagen sind die Gerichte der jeweiligen Region, die wir durchfahren, angepasst. Immer frisch zubereitet. Am Nebentisch prosten sich Barbara und Hans-Friedrich Hintze aus Hamburg zu. „Wir haben heute goldene Hochzeit“, berichten sie: „Zur Silberhochzeit sind wir mit der „Transsib“ von Moskau nach Wladiwostok unterwegs gewesen. 25 Jahre später reisen wir nun auch wieder Richtung Osten, aber nicht mehr ganz so weit weg.“ Wir überqueren die Oder, den Grenzfluss zwischen Deutschland und Polen. Die Landschaft ist flach wie in Norddeutschland. Kurzer technischer Halt in der Industriestadt Posen. Schon geht es weiter – mit maximal 140 Kilometern pro Stunde – immer schnurgeradeaus.

Blauer Speisewagen von 1940

Blauer Speisewagen von 1940

Die vier Gesellschaftswagen bestehen aus drei Speise- und einem Salonwagen mit geblümten Cocktailsesseln, Mahagoni-Tischchen und Klavier. Dieser Waggon stand einst amerikanischen Besatzungstruppen zur Verfügung und fuhr im Interzonenverkehr zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik. Als sich die letzten Sonnenstrahlen durch die Zugfenster verabschieden, stimmt Pianist Andrej Einhorn auf Fryderyk Chopin, Warschaus berühmtesten Sohn, ein. Stockdunkel ist es, als der Zug endlich am Zentralbahnhof gegenüber dem hell erleuchteten Kulturpalast in der polnischen Hauptstadt eintrifft.

Koenigsschloss, heute Museum und Sigismundsäule

Königsschloss, heute Museum und Sigismundsäule

Am nächsten Morgen erkunden wir die 1,8-Millionen-Einwohner-Metropole an der Weichsel, dem längsten Fluss Polens, im Schnelldurchgang. Beeindruckend das Bronze-Denkmal des Warschauer Aufstands vor dem Obersten Gerichtshof und gegenüber der Feldkathedrale. Ab 1. August 1944 kämpften Widerständler 63 Tage lang erfolglos gegen die deutschen Besatzungstruppen. Als Reaktion ließ Adolf Hitler Warschau systematisch zerstören. Wir schlendern weiter durch die Neustadt mit ihren zahlreichen Kirchen. Am Altstadtmarkt bestaunen wir Warschaus Wahrzeichen, die Meerjungfrau, und das Ensemble wieder aufgebauter farbenfroher Bürgerhäuser, die sich eng aneinander schmiegen. Der Blick auf das Warschauer Ghetto-Ehrenmal, vor dem Bundeskanzler Willy Brandt 1970 niederkniete, erfolgt bereits aus dem Busfenster auf dem Weg zum Ostbahnhof. Der „Classic Courier“ nimmt Fahrt Richtung Bialystok auf.

Denkmal des Warschauer Aufstands

Denkmal des Warschauer Aufstands

Birken, Kiefern, Heide, hin und wieder ein plätschernder Bach, Sumpfgebiete, in denen sich Graureiher wohl fühlen, so präsentiert sich die Landschaft nahe der Grenze zu Weißrussland. Abrupt stoppt der Zug mitten in der Natur. Grillen zirpen. Bienen summen. Es duftet nach Viehwirtschaft. Ein Dutzend Kühe schaut verwundert von der angrenzenden Weide herüber. „Der Internetempfang ist auch hier bestens“, schallt es aus dem Nachbarabteil. Die Welt wirkt in Ordnung – 20 Kilometer vor Bialystok. Nicht ganz – die Lok ist defekt! Doch schon vierzig Minuten später zieht eine Ersatzlokomotive den blauen Lindwurm ans Ziel.

Schnellzugwaggons aus den 1960er und 1970er Jahren

Schnellzugwaggons aus den 1960er und 1970er Jahren

Am folgenden Tag ist eine grüne Diesellok vor die zehn Waggons gespannt. Auf eingleisiger Strecke fahren wir weiter gen Norden bis Suwalki. Nur wenige Menschen warten unterwegs auf verschlafenen Bahnhöfen auf ihren Zug. Bialystok bildet das Zentrum der weißrussischen Minderheit Polens, was sich auch in den braunen Holzhäusern und zunehmend orthodoxen Kirchen auf dem Lande widerspiegelt. Normalerweise sollte unsere Zugreise in Sestokai in Litauen enden. Bis dort führt noch die europäische Normalspur von 1.435 Millimetern. Zu Sowjetzeiten wurde Litauen auf die russische Breitspur umgerüstet, auf der der „Classic Courier“ nicht fahren kann. Aufgrund von Bauarbeiten steigen wir bereits 30 Kilometer vor der Grenze auf „Schienenersatzverkehr“, also auf einen Reisebus, um. Entlang des litauischen Kurorts Birstonas mit noch reichlich Sowjetcharme, mäandert die Memel (Nemunas) träge dahin. Auf das schwefelhaltige Heilwasser, das man aus einer Quelle gegenüber dem Kurhaus zapfen kann, verzichten wir. Zu intensiv ist der Geruch nach faulen Eiern.

Classic Courier_zuckelt durch_Masuren_polnische Diesellok_2

Kirchtürme prägen Vilnius’ Stadtsilhouette. „Den besten Überblick gibt es vom Gediminas-Berg direkt hinter dem Kathedralenplatz“, rät Stadtführerin Ramune, die seit einigen Jahren mit ihrem deutschen Mann in Trier lebt, aber während der Sommermonate immer noch gerne Besuchern ihre litauische Heimatstadt zeigt. Der Fluss Neris trennt die überwiegend barocke Altstadt von den modernen Glaspalästen am anderen Ufer. „Vilnius war einst das Zentrum des Ostjudentums. Heute gibt es nur noch eine Synagoge, aber zahlreiche orthodoxe und katholische Kirchen“, informiert Ramune. Wir beschränken uns auf die weiße, klassizistische Kathedrale Sankt Stanislaus, die gotische Backsteinkirche Sankt Anna und das Tor zur Morgenröte mit einem wundertätigen Madonnenbildnis. Am Nachmittag erkunden wir das Lieblingsziel der Hauptstädter, die gotische Inselburg Trakai im Galve-See. „Sie wurde zur Zeit des Krieges gegen den Deutschen Orden errichtet“, so Ramune: „Im 16. Jahrhundert stark zerstört und erst in der Sowjetzeit wieder aufgebaut.“

Vilnius - Stadt der Kirchen

Vilnius – Stadt der Kirchen

Über Kaunas, wo die Neris in die Memel mündet, bringt uns der Bus zurück nach Suwalki in Polen. Der „Classic Courier“ wartet abfahrbereit. Endlich windet sich der Zug auch mal durch ein paar Kurven zwischen den sanften Hügeln. Blaues Wasser schimmert zwischen Bäumen hindurch. Masuren – das Land der dunklen Wälder und glasklaren Seen ist erreicht. Das Küchenteam serviert ostpreußischen Betenbartsch (Rote-Bete-Suppe mit Fleischklößchen), Johannisburger Wildgulasch und Charlotka (Bisquittörtchen mit Waldbeergrütze). Hinter Olsztyn (Allenstein) weiht Köchin Marzena Wesolowska im Bar-Speisewagen in die Zubereitung polnischer Piroggen ein. Dies sind mit Hackfleisch gefüllte Teigtaschen in Speck-Zwiebel-Schmelze. Vor den Fenstern geht die wellige Landschaft viel zu schnell ins Flachland über.

Ermland - Wallfahrtskirche Swieta Lipka Heilige Linde

Ermland – Wallfahrtskirche Swieta Lipka Heilige Linde

 

Wieder an der Weichsel angekommen. In der ehemaligen Hansestadt Torun (Thorn). Geburtsort von Nikolaus Kopernikus, der die Sonne anhielt und die Erde in Bewegung setzte. Schnell kaufen wir noch ein paar Thorner Lebkuchen, bevor die Bäckereien schließen und sich rund um das Rathaus die Restaurants und Kneipen füllen. Es ist die Zeit der blauen Stunde. Der tiefblaue, klare Himmel und die vielfarbige Beleuchtung der Gebäude hüllen die Stadt in ein magisches Licht. Auf Esperanto ließe sich das sicherlich viel poetischer sagen.

Der „Classic Courier“ ist ein privater Sonderzug und besteht aus:

  • Schnellzugwagen der 1960er und 1970er Jahre (1. Klasse-Abteile à 6 Sitzplätze und Club-Abteile à 4 Sitzplätze)
  • Salonwagen (Baujahr 1965) – mit Klavierunterhaltung
  • Roter Speisewagen (Baujahr 1974)
  • Blauer Speisewagen (Baujahr 1940)
  • Bar-Speisewagen (Baujahr 1965)

PL_Bialystok_Bahnhof_eine polnische Diesellok zieht den CC bis Suwalki

Die Übernachtungen, das Frühstück und überwiegend auch das Abendessen erfolgen in Hotels. Während der Zugfahrten bietet die Bordcrew lokale Speisen und Getränke an, die nicht im Reisepreis enthalten sind. Unterhaltung während der Reise im Salon- oder Bar-Speisewagen: Klavierspieler; Bordzeitung; Vorträge, Lesungen, Vorführungen und Filme zu ausgewählten Themen.

Um ihre Koffer müssen sich die Fahrgäste nur am An- und Abreisetag kümmern. An allen anderen Tagen gibt es zwischen den einzelnen Hotels einen Gepäcktransfer.

Die Bezahlung im Zug erfolgt am Ende der Reise mit Euro: bar oder per EC-Karte (keine Kreditkarten). Polen und Litauen gehören noch nicht zur Euro-Zone und haben derzeit noch ihre Landeswährungen.

Inselburg Trakai im Galve-See 30 km von Vilnius

Inselburg Trakai im Galve-See 30 km von Vilnius

Thorn Denkmal Nikolaus Kopernikus vor Rathaus

Thorn an der Weichsel – Denkmal Nikolaus Kopernikus vor Rathaus

Allgemeine Informationen über Polen und Litauen:
Polnisches Fremdenverkehrsamt
Hohenzollerndamm 151
14199 Berlin
Tel.: 030 21 00 92 0
Fax: 030 21 00 92 14
E-Mail: info.de@polen.travel
www.polen.travel

Litauisches Fremdenverkehrsamt
c/o AVIAREPS Tourism GmbH
Josephspitalstraße 15
80331 München
Tel.: 089 55 25 33 810
Fax: 089 55 25 33 489
E-Mail: litauen.de@aviareps.com
www.lithuania.travel

Die Reise wurde unterstützt von DNV-Touristik Stuttgart und vom Polnischen Fremdenverkehrsamt Berlin.

© Dagmar Krappe (Text, Fotos)

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