Showtime im Orient-Express

24. August 2015 | Von | Kategorie: Die Reportage, Europa

 Wer träumt nicht davon, einmal mit dem „König der Züge“ zu fahren? Beim Durchstöbern von Reiseprospekten und Internetseiten kommen Bilder und Begriffe aus dem Langzeitgedächtnis zurück: Agatha Christie, Hercule Poirot, Istanbul, James Bond, Liebesgrüße aus Moskau

VSOE_Zugbegleiter in traditioneller Uniform_01 Der Orient-Express ist nicht irgendein Zug, mit dem man mal eben nach Paris, Budapest oder Venedig fährt. Er ist eine glänzende Showbühne auf Schienen. Die Passagiere sind die Schauspieler und das Zugpersonal in den schnieken blauen Uniformen und weißen Handschuhen die Regieassistenten und Bühnenbildner, die vorgeben, bei welchem Akt, welche Garderobe zu tragen ist. Bei einer Reise mit dem Orient-Express geht es nicht darum, ein Land vom Zugfenster aus zu entdecken. Hier ist auch nicht der Weg das Ziel, sondern das Erleben des 5-Sterne-Luxus von anno dazumal. Der Reisende schlüpft gedanklich in die Rolle des Privatdetektivs Hercule Poirot, der Gräfin Andrenyi oder einer anderen Roman-Figur und versucht, diese so gut wie möglich zu spielen und zu genießen. Für ein paar Stunden oder Tage möchte er den Alltag vergessen und in eine vergangene Zeit eintauchen in dieser perfekt inszenierten Nostalgieaufführung. Immer wenn der Zug betriebsbedingt einen Halt einlegt, gibt es Trainspotter, staunende Gesichter, die durch die Fenster lugen, um einen Blick in das Innere der Eisenbahnlegende und auf die verkleideten Passagiere zu erhaschen.

VSOE_ticket_2Die Jungfernfahrt des Orient-Express fand am 4. Oktober 1883 von Paris nach Istanbul statt. In Windeseile wurde der Zug berühmt für pünktliches Reisen mit Stil und Service, hervorragende Küche und als Treffpunkt der Reichen und Einflussreichen. Sein Niedergang begann ab den 1950er Jahren als es zunehmend modern wurde, möglichst schnell ans Ziel zu kommen – mit dem Auto oder Flugzeug. Der heutige Venice Simplon-Orient-Express (VSOE) verkehrt überwiegend zwischen London, Paris und Venedig, fährt aber auch weitere europäische Städte an wie Berlin, Prag, Wien, Budapest, Bukarest, Istanbul. 1982 wurde die Firma von dem amerikanischen Unternehmer James Sherwood aus Kentucky gegründet, nachdem er einige Jahre zuvor zwei Originalwagen der „Compagnie Internationale des Wagons-Lits“ ersteigert hatte. Er kaufte weitere Abteil-, Restaurant- und Pullman-Wagen. Derzeit gehört der VSOE zu „Belmond Limited“, einem Unternehmen, das Luxus-Hotels, -Restaurants, -Züge und Flussschiffe in über 20 Ländern unterhält. Der VSOE wird mit unterschiedlichen restaurierten Waggons – meist aus den 1920er und 1930er Jahren – betrieben: In Großbritannien kommen braun-cremefarbene British Pullman Salonwagen als Tages- oder Wochenendzug zum Einsatz. Auf dem Kontinent sind es elf dunkelblaue Schlafwaggons der früheren „Compagnie Internationale des Wagons-Lits“. Die Einzel- und Zweibettkabinen mit Doppelstockbetten, die tagsüber zu Sitzabteilen umfunktioniert werden, sind exquisit mit edlen Hölzern, feinen Intarsien und Jugendstillampen ausgestattet.

VSOE_Zweibett_AbteilVom Platzumfang entsprechen sie dem Reisebedürfnis vor 100 Jahren. Umkleidegarderoben mit Schlafmöglichkeit trifft vielleicht eher als Beschreibung zu. Die Gepäckablage reicht höchstens für ein kleines Agententäschchen. Alle Abteile verfügen über ein Waschbecken mit Spiegel. Dezent hinter der Tür versteckt. Weiße, zartweiche Handtücher sind mit dem Wappen des Zuges bestickt. Die Seife ist in Seidenpapier gewickelt. Pompöse Toiletten befinden sich an den jeweiligen Waggonenden. Da es keine Duschen gibt, wird bei mehrtägigen Reisen abwechselnd im Zug und im Hotel übernachtet. Oder man greift wie in alten Zeiten einmal mehr zum Parfümflakon oder Puderdöschen. „Camping auf höchstem Niveau“, wie einige Gäste zu sagen pflegen. Wer einen Schlafplatz im Wagen Nummer 3504 ergattert hat, befindet sich in der einstigen Filmkulisse vom „Mord im Orient-Express“. Geruhsames Nächtle!

VSOE_Speisewagen mit LackpaneeleDoch von derartigen Exzessen ist man bei einer Reise im VSOE heute hoffentlich weit entfernt. Mörderisch ist höchstens das pausenlose Essen zu nennen. Vom Feinsten versteht sich. Edles Goldrand-Porzellan und Tafelsilber garnieren die Tische. Auch die drei Speisewagen selbst sind eine Augenweide: Einer ist mit schwarzem Lackpaneel vertäfelt, das mit jagenden Tieren bemalt ist. Ein anderer ist im „Etoile du Nord-Stil“ mit „Blumenkörbchen“-Intarsien verziert. Der dritte wurde von René Lalique, einem der bekanntesten Schmuck- und Glaskünstler des Art Déco, mit blassblauen Milchglasreliefs, die ausgelassene Jungfrauen zeigen, eingerichtet. Die Restaurantwagen sind mehrmals am Tag gesellschaftlicher Treffpunkt und Bühne der Reisenden, auf der man vorführen kann, was der heimische Kleiderschrank zu bieten hat. Zu elegant gekleidet ist man im Orient-Express nie.VSOE_ticket_3

VSOE_MittagessenNach dem Five-o’clock-Tea kredenzen der Chef de Cuisine, Christian Bodiguel, und seine livrierte Crew ein Mehr-Gänge-Menü: grüner Spargel mit Parmesanflöckchen, Medaillons vom Seeteufel an Muschel-Jus und violettem Kartoffelpüree, gebratenes Kalbsbries mit Morcheln, Himbeerbaiser auf Nougat an Rosenblättern. Die Kellner balancieren die Teller mit den kalorienreichen Gerichten wie Jongleure von der schlingernden Küche zu den Tischen. Bei einer zwei-tägigen Reise mit maximal 188 Gästen tragen sie 2.256 Speisen übers schwankende Parkett.

VSOE_Berlin_HBF_Reisen wie damalsSollte es den Damen im Chiffon-Fummel zu kühl werden, schüren Claude oder Pascal den Bollerofen. Dann zieht ein Kohlegeruch durch die Waggons, der ein wenig daran erinnert, dass der Orient-Express einst von einem Dampfross gezogen wurde. Auf diesen historischen Anblick müssen echte Bahnfans unter den Passagieren heutzutage verzichten. Welch ein Stilbruch: Schnöde Elektro- oder Dieselloks haben diesen Dienst übernommen.

Nach dem Dinner wird im Barwagen bei sanfter Musik Konversation betrieben. Der Pianist sitzt nicht am Klavier, sondern selbst in einem Zug am Flügel! Es fließt Champagner. Man nippt an Cocktails. Salzgebäck wird in Silberschälchen gereicht. Hier wird gelacht. Hier wurden und werden vielleicht immer noch Kontakte geknüpft. Wer noch Hunger auf einen Snack verspürt, kann sich Blinis mit Beluga-Kaviar anrichten lassen. Einige hundert Euro extra werden dafür am Ende der Tour auf der Rechnung stehen. Eine Fahrt im VSOE ist keine „All-inclusive-Reise“.

VSOE_Logo WagonSchließlich ist die Vorstellung vorbei. Man zieht sich ins Abteil zurück. Vielleicht mit der passenden Bettlektüre von Agatha Christie, um beim monotonen Klackadiklack der Räder besser einzuschlafen. War da nicht eben ein Schrei? Ist jemand aus dem schaukelnden Bett gefallen? Hat sich jemand im engen Abteil den Kopf gestoßen? Doch wieder ein Mord? Traum oder Wirklichkeit? Egal. Spätestens wenn Claude und Pascal das Frühstück ans Bett servieren, werden alle erfahren, was in der Nacht im „König der Züge“ geschehen ist.

© Axel Baumann  (Text, Bilder, Video)

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