Russische Seele auf deutschen Gleisen

22. Juli 2014 | Von | Kategorie: Die Reportage, Europa

Moskau – Berlin – Paris – Zug 23/24 feierte seine 500ste Fahrt

Berlin Hauptbahnhof. Gleis 6. Trainspotter, Journalisten, Reiseveranstalter, Fähnchen schwenkende Mädchen, Musiker, die russische und deutsche Volkslieder zum Besten geben, warten auf den Zug mit der Nummer 23/24 aus Moskau. Seit Dezember 2011 gibt es wieder eine durchgehende Verbindung von der russischen in die französische Hauptstadt. Mit 3.217 Kilometern ist sie eine der längsten transeuropäischen Strecken. Punkt 06:53 Uhr rollt er ein, der 500ste Zug seit der Wiederbelebung, und das muss ein bisschen gefeiert werden, denn wie hatte Dr. Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn, es genannt, als er den Zug bei seinem ersten Halt am Berliner Hauptbahnhof im Dezember 2011 begrüßte: „Dieser Zug ist eine Brücke, die Menschen und Kulturen auf einzigartige Weise miteinander verbindet“.

 

Streckenkarte

Mit dem 500sten Zug hat sich der Generalmanager der FPK, einem Tochterunternehmen der Russischen Eisenbahnen (RZD), Mikhail Akulov, wieder höchstpersönlich wie bei der Jungfernfahrt auf den Weg gemacht, um das Jubiläum in ausgewählter Runde an einigen Haltepunkten (Minsk, Warschau, Berlin, Paris) zu feiern. Das Team von TrainJourneyBlog hatte die Gelegenheit von Berlin bis Hannover mitzufahren und konnte ein Stück russische Seele auf dem DB-Streckennetz erleben.

Mikhail Akulov

„Bereits Ende des 19. Jahrhunderts gab es diese Zugverbindung“, erläutert Mikhail Akulov. Mangels Nachfrage wurde sie 1994 eingestellt.“ Doch da es immer Menschen geben wird, die Nostalgisches lieben, die ungern fliegen, die viel Zeit haben oder das Reisen mit dem Zug einfach effektiver und entspannter empfinden, insistierten einige Bahnenthusiasten immer wieder. Allen voran die Franco-Amerikanerin Consuelo de Havilland, die nicht gerne in Flugzeuge steigt, aber aus privaten und beruflichen Gründen häufig zwischen Paris und Moskau pendeln muss. „Sie befindet sich auch heute im Zug“, sagt Mikhail Akulov: „Hat aber offenbar den Halt in Berlin verschlafen.“ Consuelo de Havilland ist Schauspielerin und inzwischen Repräsentantin der Russischen Staatsbahn in Paris. Schließlich fahren ab 2007 wieder Kurswagen nach Paris, bevor sich am 12. Dezember 2011 der erste Zug 23/24 von Moskau auf den Weg in die französische Metropole macht.

Vip_Abteil

Ausgeschlafener als Consuelo ist Juri, ein Kinderarzt aus Irkutsk in Sibirien. „Ich nutze den Zug regelmäßig, wenn ich zu Kongressen nach Paris oder in andere westeuropäische Städte fahre“, berichtet er: „Mir ist es zu umständlich, auf Flughäfen umsteigen zu müssen.“ Darum nimmt Juri bereits von Irkutsk bis Moskau die Bahn und steigt dort in den 23/24 nach Paris. Sightseeing in fünf Ländern vom Zugfenster aus: Russland, Weißrussland (für das Westeuropäer ein Transitvisum benötigen), Polen, Deutschland und Frankreich. Neben dem Aus-dem-Fenster-Schauen kann man schlafen, lesen, genüsslich essen. Es gibt eine Auswahl an DVDs und kostenlosen W-LAN-Anschluss, der außer im polnischen Speisewagen in allen Abteilen funktioniert.

Zugbar im ViP Bereich

Wieso ein polnischer Speisewagen? „Der Zug ist derzeit für 174 Personen ausgelegt. Er besteht in der Regel aus acht Waggons plus einem russischen Speisewagen“, informiert Generaldirektor Akulov: „Da die westeuropäische Normalspur mit 1.435 Millimetern schmaler ist als die russische mit 1.520 Millimetern, werden kurz vor der polnischen Grenze in Brest alle Waggons bis auf den Speisewagen umgespurt, dieser durch einen polnischen ersetzt.“

Der Zugbegleiter hat alles unter Kontrolle90.000 Passagiere beförderte der Zug seit seiner Wiederinbetriebnahme Ende 2011. Derzeit nutzen die meisten Passagiere noch die Strecke von Moskau bis Berlin. Nur rund 25 Prozent der 130 Gäste des 500sten Zuges reisen bis zum Endpunkt Paris. Im Sommer verkehrt der Zug fünfmal pro Woche, im Winter dreimal. „Auch für die Rückfahrt mangelt es noch an Fahrgästen, an Westeuropäern, die auf gemütliche Art nach Russland kommen möchten und nicht in zwei Stunden alles überfliegen wollen“, meint Mikhail Akulov.

Drei Wagenkategorien stehen zur Verfügung: Luxuswaggons (VIP) mit zwei übereinander ausklappbaren Betten mit eigener Nasszelle (Waschbecken, Dusche und Bio-WC) und Fernseher mit DVD-Anlage. In diesen Wagen gibt es auch eine Bar mit Lounge.

Die Waggons der ersten (2-Bett-Kabinen) und zweiten Klasse (3-Bett-Kabinen) haben ein Waschbecken im Raum, das tagsüber zum Tisch umfunktioniert wird. Eine Toilette – in der ersten Klasse auch eine Dusche – befindet sich am Ende eines jeden Wagens.

Das Personal ist zweisprachig. Neben Russisch wird Englisch, Deutsch oder Französisch gesprochen. Bordwährung sind Euro und Kreditkarten.

Ankunft in Hannover. Wir steigen aus. Die russische Seele auf Schienen rollt mit maximal 200 Kilometern pro Stunde weiter der französischen Hauptstadt entgegen.

Nähere Informationen
Der aktueller Fahrplan sowie Preise (in Euro) für den Zug Moskau – Berlin – Paris sind abrufbar unter www.eng.rzd.ru.
Direkter Link: http://eng.rzd.ru/statice/public/en?STRUCTURE_ID=4127#paris2
Fahrkarten sind bei Verkaufsstellen der Deutschen Bahn erhältlich oder bei Russian Railways Tour, Meinekestrasse 5, 10719 Berlin, Tel. 030 887-147-0 oder 030 887-147-55, Fax: 030 887-147-29, E-Mail: train@pulexpress.de, Fahrkartenreservierung: http://www.pulexpress.de/.

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