Myhtos Transsib – Mit dem Zug von Moskau nach Peking

12. Februar 2014 | Von | Kategorie: Asien, Die Reportage, Europa

Im „Zarengold“ von Moskau nach Peking erfüllen sich 200 Gleichgesinnte ihren Traum vom Mythos Transsibirische Eisenbahn

Das Transsib-Abenteuer beginnt am Kasaner Bahnhof in Moskau. „Poesda N 974“ (Zugnummer 974) Moskau – Erlian steht auf der elektronischen Anzeigetafel. Galina und Nelli, die beiden Provodnikas (Zugbegleiterinnen), erwarten ihre Gäste vor Waggon Nummer 12 auf Bahnsteig 7. Da

Moskau Kremlander Moskwa

Moskau Kremlander Moskwa

s Abteil ist eng: zwei dunkelgrün bezogene Sitzbänke, die abends in Betten verwandelt werden, dazwischen ein kleiner Klapptisch unterhalb des Fensters. An den beiden Wagenenden befindet sich jeweils eine Toilette, und 18 Reisende teilen sich eine geräumige Dusche. Klingt unhygienisch. Ist es aber nicht. Die Schaffnerinnen halten „ihren Waggon“ gut in Schuss. Wer es komfortabler haben möchte, muss auch mehr zahlen

Es ruckt und schaukelt. Der „Zarengold“ macht einen Bremstest. Dann setzt er sich langsam Richtung Südosten in Bewegung. Moskau war nur die Ouvertüre zu einer 7.800 Kilometer langen Bahnreise. Mittags ein Vier-Gänge-, abends ein Drei-Gänge-Menü, damit muss der Magen in den kommenden elf Tagen fertig werden. Er schafft es problemlos sowohl bei Borschtsch, Soljanka oder Schtschi als auch bei Kaviar, Rindfleisch nach Tatarenart und Kohlrouladen à la Babuschka.

Moskau Basilius Kathedrale

Moskau Basilius Kathedrale

„Schlafen kann man erst ab der zweiten Nacht“, hatte Alfred aus Köln während des Essens verkündet. Da helfe auch kein Wodka. Der Zug rumpelt und quietscht. Aufgrund der großen Abstände zwischen den einzelnen Schienen, fühlen sich 80 Kilometer Höchstgeschwindigkeit erheblich schneller an. Rattatadong. Rattatadong. Das Geräusch ist gleichmäßig, aber laut.

Jekaterinburg Erlöserkathedrale

Jekaterinburg Erlöserkathedrale

Birken-, Lärchenwälder und verschlafene Holzhausdörfer säumen die Trasse. Nach 800 Kilometern erreicht der Zug den ersten Haltepunkt. „Kasan an der Wolga, die Hauptstadt Tatarstans, ist multikulturell“, erklärt Anatoly Dolgov, Deutschlehrer und während der Sommermonate als Reiseleiter auf der Transsib unterwegs: „Hier leben orthodoxe Russen und moslemische Tataren friedlich miteinander.“ 1552 wurde die Stadt von Ivan IV, dem Schrecklichen, erobert und an Russland angegliedert. Die Basilius-Kathedrale mit ihren neun buntverzierten Zwiebeltürmen am Roten Platz in Moskau wurde zu Ehren dieser Schlacht errichtet.

Nowosibirsk_Kwas_Stand

Nowosibirsk Kwas Stand

Der Zug tuckert weiter Richtung Uralgebirge. 1.700 Kilometer von Moskau entfernt, markiert es kurz vor Jekaterinburg die Grenze zwischen Europa und Asien. Der Zeitunterschied zu Moskau beträgt bereits zwei Stunden. Bis zur mongolischen Grenze werden sechs Zeitzonen durchfahren.

Nach drei Tagen und über 3.000 Kilometern trifft der „Zarengold“ pünktlich auf die Minute in Nowosibirsk am Ob ein. Es ist erst 115 Jahre alt und verdankt seine Entstehung dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn. Nach weiteren 2.000 Kilometern durch die sibirische Taiga ist Irkutsk, die Hauptstadt Ostsibiriens, erreicht. „Im Gegensatz zur jungen Stadt Nowosibirsk erhielt Irkutsk bereits 1686 das Stadtrecht“, erzählt Stadtführer Viktor Iwanow: „So wie St. Petersburg das Tor nach Westen war, wurde Irkutsk das Tor zum Osten Richtung Mongolei und China.“ In Irkutsk beeindrucken reich verzierte Holzhäuser aus dem 19. Jahrhundert. Leider sind die meisten von ihnen noch stark restaurierungsbedürftig.

Irkutsk_Kindereisenbahn

Irkutsk Kindereisenbahn

Bis zum südwestlichen Ende des Baikalsees sind es von hier noch 70 Kilometer. Doch der 670 Kilometer lange, fischreiche See ist seinen Besuchern nicht wohl gesonnen und umhüllt sich nach und nach mit einer Nebeldecke. Martin aus Hamburg hat sich fest vorgenommen, bei zwölf Grad Lufttemperatur ein erfrischendes Bad zu nehmen. Mit einem Handtuch im Arm steht er am Fenster und hält nach der Badebucht am Kilometer 110 Ausschau. Beim Eintreffen in Maritui, wo ein Picknick mit Sonnenuntergang geplant ist, klatschen die ersten Regentropfen gegen die Zugfenster. Statt auf dem Grill am Seeufer wird das Schaschlik in den vier Bordküchen zubereitet. Aus dem Sonnenuntergang ist inzwischen eher ein Weltuntergang geworden. Wind heult auf. Die Temperatur sinkt auf 2 Grad. Martin hat sein Badelaken längst wieder im Koffer unter seinem Bett verstaut.

Baikalsee

Baikalsee

Der Zug rattert weiter – vorbei an Bergen, die bis zu den Gipfeln mit Gras bewachsen sind, durch Steppe, die immer wieder von breiten Flüssen und glitzernden Seen unterbrochen wird. Ulan-Bator, die Hauptstadt der Mongolei, empfängt den „Zarengold“ mit Sonnenschein und blauem Himmel. Vom Zaisan-Denkmal hat man den besten Überblick über die Metropole zwischen Moderne und Tradition. Zwar gibt es immer noch Jurtencamps in und vor der Stadt, aber in den letzten Jahren entstanden viele Hochhäuser, in die zahlreiche Nomaden-Familien umzogen. Auf heimisches Bier muss in Ulan-Bator niemand verzichten. Es gibt zwei deutsche und eine schweizerische Brauerei nebst Biergärten, in denen sich gestylte Mongolen im After-Work-Club treffen. Wer stattdessen lieber traditionellen Kehlkopfgesang und Pferdekopfgeigen hören oder einen Maskentanz sehen möchte, der geht ins Folkloretheater nebenan.

Mongolei_Zarengold

Mongolei Zarengold

„Sajn bajn uu? – Guten Tag“, grüßt Purevdorj vor seiner Jurte, die auf Mongolisch „Ger“ heißt. 80 Kilometer vor der Hauptstadt hat er mit weiteren Familienmitgliedern vor zwei Wochen sein Frühjahrslager aufgeschlagen. Bevor seine Frau Enkhtuya den Gästen Milchtee mit Salz und Airag (vergorene Stutenmilch) anbietet, reicht ihr Mann sein Schnupftabakfläschchen als Willkommensgruß. „Überwintert haben wir an einem geschützteren Ort tiefer in den Bergen“, erzählt der 70-jährige Viehhirte: „Mindestens viermal im Jahr ziehen wir um. Der Aufbau einer Jurte dauert ja nur zwei Stunden.“ Draußen wird es laut. Einer der Schwiegersöhne treibt eine Herde Pferde ins Gatter. „Außer Kamelen haben wir alle wichtigen Nutztiere“, sagt: Purevdorj: „70 Pferde, 40 Rinder, 70 Schafe und 20 Ziegen.“

Mongolei_Purevdorj

Mongolei Purevdorj

Die mongolische Steppe geht allmählich in die Wüste Gobi über. Mal ist sie eben, mal türmen sich hohe ockergelbe Sanddünen. In Erlian an der chinesischen Grenze endet der Sonderzug. Er wird andere Touristen, die in entgegengesetzter Richtung reisen, nach Moskau zurück bringen. Aufgrund der unterschiedlichen Spurweiten in Russland und China ist ein Umstieg in einen chinesischen Zug erforderlich. Es folgen drei Tage Sightseeing in Boomtown-Peking zwischen Verbotener Stadt und Großer Mauer. Ein Peking-Enten-Burger in einem Fünf-Sterne-Restaurant ist der Schlussakkord.

Peking_Platz_des_himmlischen_Friedens

Peking Platz des himmlischen Friedens

Der Traum, einmal mit der Transsibrischen Eisenbahn zu reisen, ist zu Ende. Mit dem Jumbo geht es zurück nach Frankfurt. Und irgendwo 11.000 Meter tiefer rollt auch er zurück von Asien nach Europa: der „Zarengold“. Rattatadong, Rattatadong.

Moskauer_Metro

Matrjoschkas

Matrjoschkas – soweit das Auge schaut

Teetime im Zarengold

Teetime im Zarengold

Ulan_Bator_Suche_Bator_Platz

Der Ulan Bator Platz

Peking_Himmelstempel

Peking Himmelstempel

Diese Reise wurde in dem hier beschriebenen Ablauf von Lernidee  unterstützt

©  Dagmar Krappe (Text), Axel Baumann (Fotos, Video)

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