Mit dem Zug durch Kanada

27. September 2013 | Von | Kategorie: Die Reportage, Nordamerika

Mit dem Zug durch das zweitgrößte Land der Erde – von Toronto am Ontario See nach Vancouver am Pazifik

„Look at all these Christmas trees“, ruft Charlotte entzückt ihrem Mann zu und starrt gebannt aus dem Fenster des Speisewagens. Tannen soweit das Auge reicht und das schon seit dem Aufstehen. Hin und wieder mischt sich ockerfarbenes Birkenlaub mit dem Immergrün der Douglasien, Fichten und Lärchen. Das gehe heute den ganzen Tag so, hatte Zugbegleiterin Bernadette gleich nach dem ersten kurzen Halt morgens um sechs in Capreol erwähnt. Nun ist es Mittagszeit. Die Szenerie ist immer noch die gleiche. Und so bleibt sie bis zum Abend und noch die ganze Nacht hindurch. Aber Charlotte ist glücklich. Sie und ihr Mann Brian stammen aus Florida. Dort säumen nicht Tannen, sondern Palmen die Straßen. Vor 14 Stunden haben sie mit 300 weiteren Passagieren in Toronto das Flaggschiff der kanadischen Bahngesellschaft VIA Rail, den Canadian, bestiegen, um auf rund 4.600 Kilometern das zweitgrößte Land der Welt (nach Russland) zu durchfahren. Einmal von Ost nach West durch fünf Provinzen. Von Toronto am Ontario See, dem kleinsten der fünf Großen Seen, nach Vancouver am Pazifik.

Zug Nr. Eins steht bereit

Der Canadian startet in Toronto

Der Canadian startet in Toronto

Die Union Station liegt am Ende der Einkaufsstraßen in der Front Street. Ganz in der Nähe des Fernsehturms „CN-Tower“. Vom historischen Teil des 1927 eröffneten Bahnhofs laufen die Reisenden direkt auf den überfüllten Wartesaal zu. Immerhin stehen hier Getränke und Kekse für die Gäste des Zugs Nummer Eins bereit. Auf kanadischen Bahnhöfen geht es geruhsam zu. Selbst in einer 2,5-Millionen-Einwohner-Stadt. Erst kurz vor Abfahrt um 22 Uhr erfolgt der Aufruf, sich Richtung Bahnsteig zu bewegen. Da steht er – stolz und erhaben im gelben Neonlicht: der Canadian. 23 chromblitzende Waggons. Gezogen von zwei blaugelben Diesellokomotiven. Jede von ihnen 3.000 PS stark. Dreimal pro Woche setzt sich der silberne Bandwurm von Toronto gen Westen und in umgekehrter Richtung in Bewegung.

Schlafwagenabteil im Canadian

Schlafwagenabteil im Canadian

Schlafwagenabteil im Canadian

Bernadette geleitet „ihre“ 30 Gäste, die sie in den nächsten eineinhalb Tagen betreuen wird, zu ihren Abteilen in der ersten Klasse. Eng ist es im Schlafabteil mit Doppelstockbett, Waschbecken und separatem Toilettenraum. Tagsüber werden die Betten in der Wand versenkt und zwei bequeme ockerfarbene Kunststoffsessel mit grauen Lehnen und Kopfstützen kommen zum Vorschein. Perfekt geschaffen für den Panoramablick aus dem Fenster. Einzelpersonen reisen in einer Art Wohnklo mit Sessel, Toilette und Waschgelegenheit. Zur Nacht wird hierüber ein Bett geklappt. Nach dem Motto komfortabel und funktionell. Fürs schmalere Portemonnaie gibt es Liegekojen hinter dicken grauen Vorhängen. Zu jedem Waggon gehören noch einmal separate Toiletten und eine geräumige Dusche. Bei über 80 Stunden Fahrzeit nicht zu unterschätzen. In der ersten Klasse reist man nur mit Handgepäck. Für mehr ist kein Platz. Große Koffer sind im Gepäckwagen hinter den beiden Loks verstaut.

Heute steht Truthahn auf der Speisekarte

Heute steht Truthahn auf der Speisekarte

Heute steht Truthahn auf der Speisekarte

Der erste Morgen in Capreol ist frostig. Die 22 Grad von Toronto nur noch Erinnerung. Auch die zweite von vier Zeitzonen ist bereits erreicht. Die Uhren um eine Stunde zurückgestellt. Zum Frühstück im Restaurantwagen balanciert Oberkellner Jimmy gekonnt Omelett, Schinken und Haferflocken durch den ruckelnden Waggon. Kein Tropfen geht ihm beim Einschenken des Kaffees daneben. Das Mittag- und Abendessen wird in zwei oder drei Schichten serviert, da nur 40 Personen pro Speisewagen Platz haben. Seit vier Uhr sind die beiden Köche George und Paul auf den Beinen. „Bis 23 Uhr dauert unser Arbeitstag. Sechs Tage arbeiten wir am Stück, dann haben wir eine Woche frei“, verrät George während er in der schwankenden, schmalen Küche Roast Beef, Lachs, Heilbutt, Ente und Hähnchen zubereitet. Vier Gerichte gibt es mittags und abends zur Auswahl. Dazu Suppen, Salate und als Dessert Eis, Schokoladen- oder Käsekuchen. Beide Köche haben schon vor über zehn Jahren die standfeste Hotelküche mit der schaukelnden Zugkombüse getauscht. Wie fast alle Mitarbeiter des Canadian stammen sie aus Winnipeg in Manitoba auf halber Strecke zwischen den beiden Metropolen.

Fast wie im Flugzeug – der Dome Car

Fast wie im Flugzeug - der Dome Car

Fast wie im Flugzeug – der Dome Car

Zwischen den Mahlzeiten genießen die meisten Gäste das ausführliche Aus-dem-Fenster-Schauen im Dome Car, einem doppelstöckigen Panoramawagen mit Glasdach und gewölbten Scheiben. Immer auf der Pirsch nach wilden Tieren, die sich nicht zeigen wollen. Nur ein paar Wildgänse flattern hin und wieder empor. Dafür glitzern ungezählte tiefblaue Seen zwischen Tannen und Birken.

Ohne John Mcdonald, der den Whisky liebte, gäbe es kein Kanada

Dem ersten Premierminister Kanadas, John Mcdonald, ist vor dem Parlamentsgebäude im Queen’s Park in Toronto ein Denkmal gesetzt. Er war nicht nur die treibende Kraft zur Gründung Kanadas im Jahre 1867, sondern er setzte sich auch für eine transkontinentale Eisenbahnlinie ein, um die Weiten des Landes zu erschließen und zu besiedeln. Von 1881 bis 1885 errichtete die Canadian Pacific Railway (CPR) eine Eisenbahnlinie von Montreal nach Vancouver.

Größtenteils mit Hilfe chinesischer Arbeiter aus Kalifornien. Mit dem Bau der Strecke wurde ein Versprechen an die Provinz British Columbia erfüllt, die 1871 der Kanadischen Konföderation beigetreten war und eine Verkehrsverbindung in den Osten des Landes gefordert hatte. Heute betreibt die Canadian Pacific Railway ausschließlich Güterverkehr. Den Passagierdienst übernahm 1977 das Unternehmen VIA Rail. Es nutzt größtenteils die Gleise anderer Zuggesellschaften. Das bedeutet, dass Güterzüge in Kanada Vorrang haben und der Canadian ab und zu aufs „Abstellgleis“ muss, um kilometerlange Container-Karavanen passieren zu lassen. Deshalb ist häufig mit Verspätungen zu rechnen. „Immer wieder gern erzählt wird das Erlebnis eines Mannes, der einen Freund vom Bahnhof in Toronto abholen wollte“, berichtet Bernadette: „Der

Irgendwo im Nirgendwo

Irgendwo im Nirgendwo

Zug traf fünf Minuten vor der fahrplanmäßigen Zeit ein. Nur war es der Zug vom Vortag.“ So etwas sei ihr in 19 Jahren, die sie auf dem Canadian arbeite, nur ein einziges Mal passiert. „Ein Güterzug entgleiste. Der Canadian kam mit 26 Stunden Verspätung in Toronto an. Zu essen und zu trinken gab es reichlich. Die Stimmung unter den Gästen war grandios“, erinnert sich die Zugbegleiterin.
Das Publikum im Zug ist ein bisschen wie Kanada im Kleinen – multikulturell. Es sitzen Amerikaner, Australier, Deutsche, Briten und Holländer im Speisewagen. Bahnenthusiasten wie Andreas und Erich aus Mannheim und Menschen, wie John aus New York, der nur einmal als Neunjähriger die USA mit dem Zug durchquerte. Jetzt löst er das Geschenk seiner Frau zum siebzigsten Geburtstag ein. Für alle ist der Weg das Ziel, die Reise an sich, nicht die einzelnen Orte unterwegs.

Ein Zug nicht nur für Touristen
Auch Einheimische reisen mit dem Canadian. Angela ist eine von ihnen. Sie will zur Hochzeit ihrer ältesten Tochter nach Vancouver und gönnt sich eine Bahnfahrt durch die Heimat. Bei kürzeren Strecken bevorzugen die Kanadier einen der beiden Zweite-Klasse-Waggons direkt hinter dem Gepäckwagen. Sie sind mit normalen Sitzen ausgestattet, ähnlich einem deutschen Intercity. Dort döst Debbie und wartet, dass der Tag vergeht. Sie reist mit Hund Disney. Er muss im Gepäckwagen ausharren und darf genau wie alle Raucher nur alle paar Stunden an den kurzen Haltepunkten vor die Tür.

Der zweite Morgen. Winnipeg, die Hauptstadt Manitobas, ist erreicht. Hier ist Schichtwechsel fürs Personal. Der Canadian hat vier Stunden Aufenthalt. Vom Bahnhof führt der menschenleere Broadway zum Parlamentsgebäude, dem zweitgrößten nach der Bundeshauptstadt Ottawa. Reich wurde Winnipeg einst durch Weizenhandel, und es rühmt sich damit, die Geburtsstadt von Winnie the Pooh (Pu, der Bär) zu sein. Ein Leutnant nahm einen kleinen Schwarzbären im Ersten Weltkrieg mit nach London, der später die Vorlage für die Bären-Geschichten des englischen Autors Alan Alexander Milne lieferte, hatte Bernadette erzählt. Nach einem wärmenden Cappucino in „The Forks“, einem überdachten Markt in einem ehemaligen Lokschuppen, und einem kurzen Rundgang durchs Railway Museum freuen sich alle wieder auf den Zug und das Mittagessen.

Rockies in Sicht

Rockies in Sicht

Ab Winnipeg wechselt nicht nur die Crew – Bernadette wird durch Kevin ersetzt -, sondern auch die Landschaft. Weizen-, Mais-, Haferfelder wechseln sich ab. Nicht bis zum Horizont wie erwartet, sondern immer wieder durch Birken und Tannenhaine unterbrochen. Auf Weiden grasen ein paar Rinder und Kühe. Die dritte Nacht wird richtig unruhig. Regen klatscht gegen die Scheiben. Blitze flackern durch die Wolkendecke als der Zug durch die Prärien Saskatchewans rumpelt. Je weiter er gen Westen rollt, desto stärker knarzen die Gleise, ächzen die Betten, klappern Spiegel und Türen. Am nächsten Morgen ist bereits die Provinz Alberta erreicht. Ab Hinton beginnen sie endlich, die schneebedeckten Rocky Mountains.

Entlang des Icefields Parkways

Gletscher-See

Gletscher-See „Maligne Lake“

Pünktlich trifft der Zug um 13 Uhr in Jasper ein. Charlotte und Brian und viele andere Touristen unterbrechen hier die Reise für einige Tage, um die Schönheiten des Jasper und Banff Nationalparks etwas hautnaher als nur durchs Zugfenster zu erleben. Von beiden Orten werden Ausflüge angeboten zu den zahlreichen türkisfarbenen Seen wie dem Maligne, Bow und Peyto Lake oder dem Lake Louise, den Athabasca und Bow Wasserfällen. Mit dem Snow Coach, einem allradfähigen Geländebus, geht es auf den Athabasca-Gletscher unweit des Icefields Parkways, der Jasper und Banff miteinander verbindet. Auch ein Wapiti-Hirsch und ein kleiner Schwarzbär streifen entlang des Highways. Mount Robson, ein Fast-Viertausender, hüllt sich derweil in eine Nebeldecke.

Natürlich kann man nach einigen Tagen die Reise mit dem Canadian bis Vancouver fortsetzen, aber wer das nötige Kleingeld hat, ist mit dem Gourmet- und Luxuszug Rocky Mountaineer besser beraten. Er fährt dieselbe Strecke bei Tageslicht. Übernachtet wird in einem Hotel in Kamloops. Einem Straßenort voller Restaurants, Hotels, Fastfoodketten und Supermärkte.

Landschaft und Essen vom feinsten im Rocky Mountaineer

Einfahrt des Rocky Mountaineer in Banff

Einfahrt des Rocky Mountaineer in Banff

Charlotte und Brian entscheiden sich nach drei Tagen Rockies pur für den Rocky Mountaineer ab Banff in Richtung Vancouver. Bereits eine Stunde warten sie und rund 200 weitere Reisende bei drei Grad minus auf dem kleinen Bahnhof, an dem ansonsten nur noch Güterzüge durchrauschen. Zwei Hirschkühe überqueren die Gleise. Kurz darauf rattert einer der endlos erscheinenden Güterzüge vorbei. Endlich rollt der ersehnte goldblaue Zug aus Calgary ein. Schnell breitet die Crew vor jeder Einstiegstür der ersten Klasse einen roten Teppich aus. Sie nennt sich „Gold Leaf“. Hier lassen die Gäste ihre Sinne im doppelstöckigen Panoramawagen verwöhnen. Im oberen Stockwerk läuft wieder der kanadische Landschaftsfilm vor den Fenstern ab, im unteren befindet sich das Restaurant.

Dort kredenzen Ann und Tyler Wildlachs, Spar Ribs und Hähnchenbrust zu Chardonnay oder Merlot. Für den schmaleren Geldbeutel gibt es die „Red Leaf“-Klasse, ähnlich den Zweite-Klasse-Waggons des Canadian. Hier werden ein Frühstück und ein kaltes Mittagessen am Platz serviert. Ab 2012 wird es noch eine „Silver Leaf“-Klasse geben. Eine Kombination aus den beiden anderen Kategorien. Sanft – mit meistens nur 50 Kilometern pro Stunde – gleitet „Rocky M.“ dahin. Irgendwann werden die Berge niedriger, die Rockies liegen längst zurück. Tannenbäume sind zu Charlottes Freude wieder das vorherrschende Panorama. Ab Kamloops bedeckt gelbblühender grüngrauer Wüstensalbei die Berge.

Am Fenster läuft der Film

Am Fenster läuft der Film „Landschaft pur“

Schließlich schlängelt sich der Zug am Fraser-Fluss entlang, der Heimat der größten Lachswanderung Britisch Columbias. Verrottete, schiefe Telegrafen-Masten begleiten den Schienenstrang. Sie abzubauen ist zu teuer. So verbreiten sie ein bisschen Wehmut nach längst vergangenen Zeiten. Urplötzlich kommt die Zivilisation näher. Häuser, Straßen, Autos nehmen zu. Die Skyline von Vancouver schält sich aus dem Nachmittagsdunst. Dreißig Minuten früher als geplant fährt der Zug in die spätsommerliche, pulsierende Stadt am Pazifik ein.

Eine Zugreise von Toronto nach Vancouver mit dem Canadian und Rocky Mountaineer. Die meisten Passagiere machen sie einmal im Leben. Bernadette, Kevin, Jimmy, Ann und Tyler haben sie ungezählte Male hinter sich. Und jedes Mal ist sie ein neues Abenteuer.

Allgemeine Informationen zu den Zügen
Der Canadian fährt als Zug Nummer Eins ganzjährig dreimal pro Woche von Toronto nach Vancouver und umgekehrt. Die Tour dauert von Ost nach West vier Nächte und drei Tage:  Waggon-Varianten: Erste-Klasse-Schlafwagen mit unterschiedlichen Übernachtungsangeboten. Zweite-Klasse-Sitzwagen.

Der Rocky Mountaineer fährt zwischen April und Oktober ab Jasper (Journey through the Clouds) oder Calgary/Banff (First Passage to the West) mit Zwischenübernachtung in Kamloops nach Vancouver. Dauer zwei Tage. Auch längere Pauschalreisen sind im Angebot: Waggon-Varianten: Gold Leaf (doppelstöckiger Panoramawagen mit Restaurant), Silver Leaf (ab 2012 – einstöckiger Panoramawagen mit kaltem Mittagsmenü am Platz), Red Leaf (Sitzwagen – vergleichbar mit IC und kaltem Mittagsmenü am Platz).

Diese Reise wurde in dem hier beschriebenen Ablauf von Lernidee Erlebnisreisen und Rocky Mountaineer unterstützt

© Dagmar Krappe (Text), Axel Baumann (Fotos, Video)

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