Eine Prise Industriegeschichte und Feldbahnromantik

1. August 2014 | Von | Kategorie: Deutschland, Die Reportage

Osnabrück. Keine Frage, das schon ein klein wenig in die Jahre gekommene Warnschild „unbeschrankter Bahnübergang“ neben dem Gleis hat durchaus seine Berechtigung: Jeden ersten und dritten Sonntag in den Sommermonaten tuckern hier Züge entlang und bringen die Besucher zum Bahnhof Südstieg. Und doch, auf die visuell versprochene Dampflok wartet der Betrachter jedes Mal vergebens. „Der feurige Elias war hier in den Steinbrüchen am Piesberg nie zu Hause“, berichtet Udo Stegelmeyer, zweiter Vorsitzender des „Museums für feldspurige Industriebahnen Osnabrück-Piesberg e.V.“. Doch auch ohne Dampfross gab es auf diesem Industrieareal reichlich Arbeit für einen geregelten Transport von schweren Gütern. Europaweit war der Piesberg der größte Steinbruch, wo Hartstein gebrochen wurde. Global betrachtet lag die Friedensstadt damit sogar auf dem dritten Rang. Dementsprechend warteten auf die Arbeiter und ihre 15 Werkslokomotiven genug Einsatzmöglichkeiten. Anfang bis Mitte des letztens Jahrhunderts war die Blütezeit dieser an sich „kleinen“ Werkbahn mit der Spurweite von 575 Millimetern. Auf dem etwa 110 Kilometer langen Streckennetz am Piesberg rollten in dieser Zeit mehr als 2000 Loren, um das gebrochene Material zu den Steinbrechern und zu den Verladestationen zu befördern.

 

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In den Anfangsjahren wurden sie noch per „Hafermotor“ zum Umschlagsplatz gezogen. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg dachten die Unternehmer fortschrittlich und setzten auf moderne Technologie: statt in Dampfkraft investierten sie gleich in Motorkraft – erst Benzol, dann Rohöl. Später setzten sich die heute aktiven Dieselloks im Miniformat durch. Niedersächsischer Lokalpatriotismus hin oder her, die kleinen Maschinen kamen nicht aus Diepholzer Gefilden. Erst heute unterstützt die Diema „DS 30 III“ den Museumsbetrieb. Für die notwendige Zugkraft wurden seinerzeit Maschinen aus den Deutzer Motorenwerke vom Rhein an die Hase gebracht. In den 1950er Jahren war aufgrund des Strukturwandels letztlich egal, aus welchen Werkstätten der Fuhrpark kam: Der Lastwagen verdrängte peu à peu den innerbetrieblichen Schienenverkehr und die ehemaligen Trassen. Viele Gleise fielen in einen Dornröschenschlaf.

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Ein richtiger Glücksfall für die Feldbahner, denn auf diese Weise bekamen sie das passende Ambiente für ihre Sammlung. Nachdem sie 2008 ihr bisheriges Domizil in Ostercappeln-Hitzhausen verlassen mussten, benötigten sie eine neue Herberge. Angesichts dieser mobilen Vorgeschichte bot sich der Umzug in die Nähe des Museums für Industriekultur am Haseschacht quasi an. Dennoch kein leichtes Unterfangen. Immerhin wollten fast 30 Loks und mehr als hundert Wagen und Loren zum neuen Domizil gebracht werden, um hier die Geschichte von Feldbahnen erneut aufleben zu lassen. Einen feinen Unterschied zwischen alt und neu gibt es dennoch. Heute liegen auf den alten Trassen Schienen in der Spurweite von 600 Millimetern. Dem Mitreisenden werden derartige Feinheiten vermutlich egal sein, für ihn steht eher die gut zehn Minuten währende Fahrt vom Haltepunkt am längst verfallenen alten Steinbrecher zum „Bahnhof Südstieg“ im Vordergrund. Seit vier Jahren rollen wieder die Züge. Gut 1,2 Kilometer Gleise haben die fast zwei Dutzend ehrenamtlich tätigen Feldbahner seitdem wieder verlegt. Auf dieser Etappe wird nun der reguläre Betrieb durchgeführt. Hört sich minimalistisch an. Doch entlang der Strecke bieten sich die unterschiedlichsten Bilder: mal schmucke Naturerlebnisse, mal modernes Industrieleben. Sogar mit einem Canyon können die Museumsbahner aufwarten, durch den sich der winzige Lindwurm schlängeln muss. Auf diesen Lorbeeren wollen und werden sich Udo Stegelmeyer und seine Mitstreiter nicht ausruhen. Für die Zukunft planen sie ihr Streckennetz zu verdreifachen. Dann sollen ihre Züge bis nach Pye und Lechtingen fahren können.

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Wer nutzt diese nicht alltägliche Mitfahrgelegenheit? „In erster Linie sind es Familien, die ihren Sonntagsausflug machen“, erklärt Udo Stegelmeyer: „Oft sind es auch Senioren, die den ehemaligen Werksverkehr noch selbst erlebt haben und heute ihren Enkelkindern zeigen wollen, wo Opa mal gearbeitet hat“. Dabei muss der Weg nicht unbedingt das Ziel sein. „Gleich vorne links ist die Treppe zur Aussichtsplattform, gerade aus weiter geht es über die Serpentinen nach oben“, informiert spontan „Reiseführer“ Marko Kunath, der eigentlich als Bremser über seinen Zug wacht und nun Lokführer Sascha Plantholt beim Umsetzen der Lok am Südstieg hilft.

Die 269 Stufen nach oben haben es in sich, bieten aber einen spektakulären Blick nach oben. Wer es bis nach oben schafft, dann noch die Treppe zur südlichen Aussichtsplattform erklimmt, wird mit einem tollen Rundumblick über die heimische Scholle belohnt. Von Ibbenbüren bis weit nach Bad Essen reicht bei klaren Wetter die Sicht, ein spektakulärer Überblick auf den Steinbruch inbegriffen.

Wer bis dato noch nicht Industriegeschichte geschnuppert hat, braucht nur auf die andere Straßenseite zu wechseln. Hier befindet sich das Museum Industriekultur Osnabrück. Eindrucksvoll sind dabei nicht nur die Exponate. Nicht minder spannend ist eine Fahrt mit dem Aufzug in die Unterwelt des Piesbergs. Hier im Haseschacht gingen einst Bergleute ihrem Handwerk nach und förderten das schwarze Gold zu Tage.

Informationen

Museum für feldspurige Industriebahnen Osnabrück-Piesberg e.V.
Fürstenauer Weg 180
49090 Osnabrück
E-Mail: info@feldspur.de
Internet: http://www.feldspur.de
Von April bis Oktober pendeln die Züge jeweils jeden ersten und dritten Sonntag im Monat von 10 bis 18 Uhr etwa halbstündlich. Gruppenfahrten auf Anfrage.

Museum Industriekultur Osnabrück
Süberweg 50a
49090 Osnabrück
Tel. 0541 122 447 (Mi – So, 10 – 18 Uhr)
E-Mail: info@industriekultur-museumos.de
Internet: http://www.industriekultur-museumos.de
Öffnungszeiten
Mittwoch bis Sonntag, von 10 – 18 Uhr

Anfahrt (PKW): via A 1 bis Abfahrt Osnabrück Nord, weiter auf die B 68 (Richtung Osnabrück), nach gut 2,5 km rechts in den Fürstenauer Weg (K10) einbiegen und gerade aus weiterfahren. Nach weiteren 2,5 km befindet sich links das Museum Industriekultur und rechts das Museum für feldspurige Industriebahnen.

Tipp: Auf der Internetseite bzgl. Stadtführungen durch Osnabrück gibt es auch spannende Touren rund um den Piesberg: http:www.osnabrueck-fuehrungen.de

Tourismusverband Osnabrücker Land e.V.
Herrenteichstraße 17 + 18
49074 Osnabrück
Tel. 0541 323 4570
Fax 0541 323 2761
Mail: team@tvosl.de
Internet: http://www.osnabruecker-land.de

© Helge Holz (Text und Fotos)

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