Auf Schienen durch Ecuador

21. Mai 2014 | Von | Kategorie: Die Reportage, Südamerika

450 Kilometer lang ist die transecuadorianische Schmalspurstrecke von Quito nach Duran. Zwischen dem Hochland der Anden und der Pazifik-Küste passiert der Touristenzug „Tren Crucero“ mehrere Klimazonen. Eine Zugkreuzfahrt durch Ecuador ist eine entspannende Möglichkeit, Land und Leute zu entdecken.

Chimbacalle morgens um sieben. Ein fast menschenleerer Bahnhof auf 2.800 Metern Höhe. Eine Oase der Ruhe. Kaum vorstellbar in der stets lauten und quirligen ecuadorianischen Hauptstadt Quito. Die Luft ist angenehm kühl zum Durchatmen. Graue Wolken rollen sich an den umliegenden Bergen hinab. Einige Gipfel tragen frische Schneehauben. Nach und nach versammeln sich rund 40 europäische und nordamerikanische Touristen auf dem Bahnsteig. Alle verfolgen die gleiche Absicht: Mit dem „Tren Crucero“ vier Tage lang von Quito über die Anden gen Süden nach Duran (Guayaquil) an die Pazifik-Küste zu reisen. Unspektakulär fährt der Zug auf Gleis eins ein. Große Verwunderung in den Gesichtern von Klaus und Peter, zwei enthusiastischen Trainspottern aus Stuttgart: „Im Internet sah das Bähnle doch ganz anders aus?“„Ja“, antwortet Expeditionsleiterin Maria Parra von der staatlichen Eisenbahngesellschaft Tren Ecuador: „Der Abschnitt von El Boliche bis Quito ist noch nicht saniert. Die neuen Waggons des „Tren Crucero“ sind zu schwer für das alte Gleisbett. Deshalb kann der Zug nicht bis zur Hauptstadt fahren. Frühestens Ende 2014 soll die gesamte Strecke fertig sein. Bis dahin setzen wir auf der ersten Etappe drei leichtere rote und braune „Coches“ ein.“

Am Bahnhof Chimbacalle im Süden von Quito, kurz nach 7 Uhr

Am Bahnhof Chimbacalle im Süden von Quito, kurz nach 7 Uhr

Nach 50-minütiger Fahrt durch Quitos Vororte mit halbfertigen, grauen Häusern sowie den üblichen Graffiti-Malereien breitet sich links und rechts der Gleise grüne Natur in Form von Wiesen, Bächen und Büschen aus. Gemächlich zuckelt der Zug auf der „Avenida de Vulcanos“ Richtung Süden. Forscher Alexander von Humboldt prägte für die Gebirgsformationen einst den Namen „Straße der Vulkane“, denn eine Allee von aktiven und erloschenen Feuerbergen säumt die Bahntrasse. Dominierend reckt sich in der Ferne der Cotopaxi mit 5.897 Metern gen Himmel. Seine schneebedeckte Spitze ist durch Wolken verhüllt. Langsam geht es steil bergan. Die beiden Bremser haben alle Hände voll zu tun. Da die Waggons nicht über Druckluftbremsen verfügen, müssen sie wie in den Anfängen der Eisenbahn das große Bremsrad auf der Außenplattform mal kräftig, mal weniger stark in die eine oder andere Richtung kurbeln. Je nachdem, ob abgebremst werden soll oder der Freilauf der Achsen erforderlich ist.

Wie so oft versteckt sich der Vulkan Cotopaxi hinter Wolken

Wie so oft versteckt sich der Vulkan Cotopaxi hinter Wolken

Am frisch gestrichenen Bahnhof von El Boliche endet der erste Zugtag. Busse chauffieren die Passagiere in den Cotopaxi Nationalpark. Der fast Sechstausender versteckt sich weiterhin hinter einer grauen Nebelwand. Auf dem Hochplateau peitscht Regen nasskalt ins Gesicht. Das Mittagessen in der Hazienda „San Agustin de Callo“ müssen die Gäste im Mantel sitzend in einem Partyzelt im Garten einnehmen. Inmitten 500 Jahre alter Mauern. Die Lamas auf der Weide im Wollpelz fühlen sich wohler.

Cotopaxi Nationalpark

Cotopaxi Nationalpark

Hacienda San Agustin de Callo

Hacienda San Agustin de Callo

Über 2000 Meter ist alles grün

Über 2000 Meter ist alles grün

Da der Zug nicht über Schlafabteile verfügt, wird in historischen Haziendas wie der „La Cienega“ nahe Lasso genächtigt. Die zwei Meter dicken Wände stehen seit Ende des 16. Jahrhunderts und konnten jeglichem Erdbeben trotzen. Viele Entdecker und Forscher – auch Alexander von Humboldt – bezogen hier schon Quartier.

Der Zug

Am folgenden Morgen leuchten nicht nur die Augen der beiden Stuttgarter Bahnfreaks: Im Bahnhof von Lasso wartet der richtige „Tren Crucero“ abfahrbereit. Vier blankpolierte rot-schwarze Waggons – gezogen von einer Diesellok. 2012 wurden sie in Europa gebaut. Der „Tren Crucero“ ist zwar ein Luxuszug, aber kein Orient-Express. Maximal 54 Passagiere nimmt er mit auf eine Zeitreise durch die ecuadorianische Geschichte und Gegenwart. Da der Mann am Klavier fehlt, klingt „El Condor Pasa“ aus dem Bordlautsprecher. Die Inneneinrichtung der Wagen spiegelt unterschiedliche spanische und ecuadorianische Epochen wider. Zwei Waggons sind mit gepolsterten Stühlen und Tischen ausgestattet. Jedem Reisenden ist so der Blick aus dem Fenster garantiert. In einem weiteren Wagen gibt es eine Kaffeebar. Im hintersten Waggon wurde mit einer Aussichtsplattform an die Cabriofahrer gedacht.

Die Bar im Tren Crucero

Die Bar im Tren Crucero

Gemütlich sitzen und plaudern in allen Sprachen

Gemütlich sitzen und plaudern in allen Sprachen

 

Die vorbeiziehende Natur in Form von Zweigen streift gelegentlich wie Peitschenhiebe die Bahn

Die Bremser in jedem Wagen haben alles im Blick copy

Die Bremser in jedem Wagen haben alles im Blick

Nur bitte nicht den Kopf zu weit rausstrecken! Die vorbeiziehende Natur in Form von Zweigen streift gelegentlich wie Peitschenhiebe die Bahn als wolle sie sagen: „Geh weg, die Trasse ist jetzt unserer Lebensraum. Du bist seit Jahrzehnten hier nicht gefahren.“ In der Tat gab es lange keine durchgehenden Züge mehr auf der 450 Kilometer langen schmalspurigen transecuadorianischen Route. Nur auf Teilstrecken fuhren Schienenbusse oder kurze Zugeinheiten. „An der 1908 von Eloy Alfaro, einem liberal gesinnten Mehrfach-Putschisten und -Präsidenten Ecuadors, eingeweihten Linie, um den Norden und Süden wirtschaftlich zu erschließen, hatte in den letzten Jahrzehnten der Zahn der Zeit genagt, so dass sie einem stetigen Verfall ausgeliefert war“, informiert Maria Parra: „Aber auch diverse Naturkatastrophen machten eine durchgehende Fahrt unmöglich.“ Für 280 Millionen US Dollar ließ Präsident Rafael Correa die Strecke als Prestigeobjekt für den Tourismus restaurieren. Vier Jahre lang wurden Gleise saniert, Gebäude renoviert, Diesel- und Dampfloks repariert, neue Waggoneinheiten in Spanien bestellt. „Einheimische können sich den Zug leider nicht leisten“, meint Maria: „Sie fahren die gleiche Tour lieber für 15 US Dollar in acht Stunden mit dem Bus.“ Trotzdem sind sie stolz auf den neuen „Tren“ und fotografieren, wenn sie ihn sehen oder winken den ausländischen Fahrgästen zu.

Eloy Alfaro, ein Praesident der Modernisierung – hat in 1908 die Strecke Quito – Quayaquil eingeweiht

Eloy Alfaro, ein Praesident der Modernisierung – hat in 1908 die Strecke Quito – Quayaquil eingeweiht

Nevado Roses – Last Rosen sprechen.

Am späten Vormittag wird es rosig. „Nevado Roses“ bei Latacunga heißt eine der 600 großen Zuchtrosenplantagen. General Manager Roberto Nevado führt höchstpersönlich durch biologisch zertifizierte lang- und kurzstielige Rosenplantagen: „Wir liefern die Blumen hauptsächlich nach Nordamerika, Europa und Russland. Russische Frauen bevorzugen langstielige Rosen. Das ist auch kein Problem in Ecuador, da die Sonne fast immer am Himmel steht, und die Triebe dem Gesetz der Natur folgen, also in Richtung Licht wachsen.“ Zurück im Waggon gibt es ein kleines Dessert dekoriert mit vielen essbaren Rosenblättern.

Besuch einer Rosenfarm

Besuch einer Rosenfarm

Rosen in allen Regenbogenfarben

Rosen in allen Regenbogenfarben

 

Der letzte Eisschneider des Chimborazo

Der „Tren Crucero“ rattert weiter Richtung Süden zum höchsten Punkt der Strecke, dem Bahnhof Urbina, 3.600 Meter über dem Meeresspiegel. In einer kargen, einsamen Landschaft wartet in einer weiß getünchten Bahnhofshalle Baltazar Uscha, das wohl meist fotografierte Gesicht im Umkreis. In vielen Katalogen, Prospekten und auf Internet-Seiten präsent: der letzte Eisschneider des Chimborazo. Mit seinem Lama besteigt er den Berg, um Eis von den Gletschern abzuschlagen. Fotogen blickt Baltazar, ein gut gelauntes Kerlchen Ende 60 mit dunklem Poncho, schwarzem Hut und rosigen Wangen. Immer den Daumen nach oben haltend, erzählt er zum zigsten Mal die Geschichte über seine einmalige Reise in die USA: „Die Städte dort waren so groß, dass man ihr Ende nicht mit den Augen sehen konnte.“

Täglich trägt Baltazar Blöcke des natürlichen Gletschereises hinunter in die nächstgelegene Stadt im Tal, wo es bröckchenweise in verschiedenen frischen Fruchtsäften verarbeitet wird. Einen kleinen Block hat er mitgebracht und bittet seine Gäste zu probieren. Nach der Vorstellung wickelt er ihn wieder in Stroh ein, versteckt ihn in einem Erdloch des Bahnhofgartens und trottet mit seinem weißen Lama davon. Bis zum nächsten Zugstopp in einer Woche.

Uribina – hoechster Bahnhof in Ecuador

Uribina – hoechster Bahnhof in Ecuador

Balthasar Ushca – der Leste Eisschneider des Chimborazo

Balthasar Ushca – der Leste Eisschneider des Chimborazo

Der erste Tag mit Dampf

Großer Bahnhof in Riobamba. Dunkle Rauchschwaden steigen gen Himmel. Vor die Waggons ist eine alte, ölgefeuerte Baldwin-Lok vom Typ 2-8-0 (2’D) gespannt, die viel Aufmerksamkeit bei Touristen und Einheimischen erregt. Auch die Herzen der beiden Bahnenthusiasten Klaus und Peter schlagen höher. Ein Foto vor der qualmenden schwarzen Schönheit, einmal den Lokführer umarmen, so beginnt der dritte Tag der Reise. Eine Stunde lang zieht das Dampfross fauchend den Zug. Schlingert sich mit seiner schweren Last durch die kurvenreiche und hügelige Gebirgswelt.

Einfahrt in Riobamba

Einfahrt in Riobamba

Ein gestelltes Foto – aber der Stolz in der Brust ist echt

Ein gestelltes Foto – aber der Stolz in der Brust ist echt

Etwas viel Gewusel auf einer oelgefeuerten Dampflok – aber das Herz von Train Spottern erfreut es

Etwas viel Gewusel auf einer oelgefeuerten Dampflok – aber das Herz von Train Spottern erfreut es

Fotostop – Lokwechsel. Zurück zur Diesellok

Fotostop – Lokwechsel. Zurück zur Diesellok

Guanote. Buntes Treiben auf dem Wochenmarkt

Donnerstags ist Markttag in Guanote. Viele Indios in roten Ponchos strömen durch das kleine Örtchen und über die Bahngleise, um den Wocheneinkauf zu tätigen. Hier wird ein Schwein nach den Wünschen der Kundin zerlegt. Dort hat eine Frau einen Korb mit lebenden Hühnern erstanden. In einer schmalen Seitenstraße schieben sich Einheimische und Souvenirjäger an Ständen mit Filzhüten und asiatischer Synthetikmassenware vorbei. Auch die zahlreichen Schuhputzer machen gute Geschäfte. Mit lautem Hupkonzert bahnt sich der „Tren Crucero“ bei der Abfahrt seinen Weg durch das Menschengewimmel auf den Schienen. Sobald der Eisenwurm abgefahren ist, schließt die Menge auf und beansprucht die Gleise wieder als ihre Fußgängerzone.

Guamote – Donnerstag ist Wochenmarkt

Guamote – Donnerstag ist Wochenmarkt

Guamote. Heute wird es Hähnchen geben?

Guamote. Heute wird es Hähnchen geben?

Huete in allen Farben

Huete in allen Farben

Eine der schwierigsten Schienenkonstruktionen der Welt gehoert die Teufelsnase (Nariz del Diablo)

Schließlich erreicht die Bahn das Highlight vergangener Jahre. Als Ecuador noch ein Reiseland für Rucksacktouristen und Abenteurer war, durften diese die spektakuläre Teufelsnase (Nariz del Diablo) vom Wagendach aus bestaunen. Nach vielen tödlichen Unfällen verschärfte die Bahngesellschaft die Sicherheitsbestimmungen für die Tageszüge, die die Kurzstrecke von Alausi nach Sibambe und zurück befahren. Es wurden sogar neue Waggons angeschafft, bei denen sich weder die Fenster öffnen lassen noch gibt es eine Aussichtsplattform. Die Streckenführung der Teufelsnase ist ein technischer Zickzack-Trick aus dem Ingenieurzauberkoffer. „Um diesen einhundert Meter hohen Felsen zu überwinden, wurden die Gleise in der steilen Wand der Teufelsnase fast übereinander verlegt und durch zwei Spitzkehren miteinander verbunden“, sagt Maria Parra. Unten angekommen, hält der Zug, damit sich die Helden des Tages fotografieren lassen können. Vom Zugchef über den Lokführer bis zum Bremser werden alle beteiligten Personen vorgestellt. Die Passagiere bedanken sich mit Applaus für die sichere Abfahrt.

Alausi. Gleich geht es die Teufelsnase abwärts

Alausi. Gleich geht es die Teufelsnase abwärts

 

Eine der schwierigsten Schienenkonstruktionen der Welt gehoert die Teufelsnase (Nariz del Diablo)

Eine der schwierigsten Schienenkonstruktionen der Welt gehoert die Teufelsnase (Nariz del Diablo)

Nahe San Rafael haben sich die Shuar Indianer niedergelassen

Am vierten Tag verlässt der „Tren“ die Anden und nimmt Kurs auf die Pazifikküste. Die Luft wird wärmer und feuchter, die Vegetation tropischer. Nahe San Rafael haben sich die Shuar Indianer niedergelassen, nachdem sie sich auf eine große Reise begeben hatten. Ursprünglich lebten sie im Amazonasgebiet. Dieser Volksstamm beherrschte einst die Schrumpfkopfkunst. Die Begrüßung der Gäste wirkt schroff und laut. Doch nachdem der Dorfälteste während eines rituellen Tanzes mit gezückter Lanze festgestellt hat, dass die Zugpassagiere in friedlicher Absicht gekommen sind, dürfen sie zum Essen bleiben und den Garten besichtigen. Hier wird biologischer Anbau betrieben. Die grimmig guckende und auf den Boden spuckende Kräuterfrau erzählt, was es mit Engelstrompeten auf sich hat: „Aus ihnen werden Rauschmittel gewonnen, die sich für spirituelle Riten verwenden lassen.“ Also fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker vor der Einnahme. Auf zum nächsten „Suchtmittel“ Kakao. „100 Tonnen Kakaobohnen ernten wir jährlich auf unserer Plantage“, berichtet Verwalter Victor Caldefón: „Ein Kakaobaum hat eine durchschnittliche Lebensdauer von 20 Jahren, dann ersetzen wir ihn durch einen neuen.“ Anhand einer Schote erklärt Victor den Entstehungsprozess von Kakao und kredenzt ein Stück Schokolade „made in Ecuador“.

Willkommen bei den Shuar Indianern

Willkommen bei den Shuar Indianern

Auf der letzten Etappe wird noch einmal eine Dampflok eingesetzt

Am Nachmittag kommen nicht nur Trainspotter Klaus und Peter noch einmal voll auf ihre Kosten. Auf dem letzten Abschnitt durch weites Land mit Bananen- und Reisplantagen zieht eine feuerrote amerikanische Mogul 2-6-0 aus dem Jahre 1920 den „Tren Crucero“ unter Volldampf bis zum Zielbahnhof Duran bei Guayaquil am Pazifik.

Auf der letzten Etappe wird noch einmal eine Dampflok eingesetzt

Auf der letzten Etappe wird noch einmal eine Dampflok eingesetzt

 

Literatur
Ecuador
, Volker Freser, Michael Müller Verlag, Erlangen, 6. Auflage, 2013, ISBN 978-3-89953-778-9, Preis 24,90 €

Ein Reiseführer, der sich ausführlich mit Geschichte und Gegenwart der einzelnen Regionen beschäftigt. Auch die artenreiche Natur des südamerikanischen Landes kommt nicht zu kurz. Ein wichtiger Begleiter sowohl für Pauschal- als auch Individualreisende.

Allgemeine Informationen
Ecuador
www.ecuador.travel

Tren Ecuador
www.ecuadorbytrain.com/trainecuador/

Diese Reise wurde in dem hier beschriebenen Ablauf von Lernidee Erlebinisreisen unterstützt

© Axel Baumann (Text, Fotos, Video)

Schlagworte: , ,

Ein Kommentar auf "Auf Schienen durch Ecuador"

  1. Norbert Richter sagt:

    Zur Zeit (Dezember 2015) ist ein Teil der Strecke (die durch den Cotopaxiausbruchs-Nationalpark) gesperrt und es wird ein Ersatzprogramm gefahren.

Schreibe einen Kommentar