Achtung – Draisine kreuzt

14. November 2013 | Von | Kategorie: Deutschland, Die Reportage, Stilllegung

Bahntrassenradeln ist seit einigen Jahren eine neue Art, die Natur kennen zu lernen. Mit dem „Fahrrad“ auf stillgelegten Schienenwegen durch Mecklenburg-Vorpommern.

draisine_1Er stürmt aus dem Feldweg, der sich am Gerstenfeld entlang schlängelt und hetzt über das Gleisbett. Er stoppt abrupt und stellt die Ohren auf. Jetzt hat er es vernommen, das leise Quietschen der Pedalen und das gleichmäßige Rumpeln der Räder. Er schlägt einen Haken, und schon ist Meister Lampe im nächsten Weizenfeld verschwunden. Die beiden Draisinen haben wieder freie Fahrt.

Großes Gejohle an der Ausleihstation Damerower Kaserne in Mecklenburg. Drei jung gebliebene Herren aus Kiel gehen an den Start und legen den ersten Gang ein. Es handelt sich um 80 Kilogramm leichte Alu-Fahrrad-Draisinen mit 7-Gang-Schaltung. Zwei Personen dürfen strampeln, zwei weitere können es sich auf der Holzbank zwischen den beiden Fahrrädern bequem machen und sich chauffieren lassen. Täglich zwischen neun und elf Uhr beginnt die Ganztagestour.

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Nach ein paar hundert Metern verschluckt der Wald die blau-gelben Vehikel, und es wird schattiger. Kiefern und Birken wechseln sich ab. Zwischen Erlen und Röhricht blitzt der Damerower See hervor. Gelbe Teich- und weiße Seerosen recken ihre Köpfe empor. Die Draisinenstrecke führt direkt durch den Naturpark Nössentiner-Schwinzer Heide. Zahlreiche Hochsitze säumen den Schienenstrang, was Meister Lampe schwer zu schaffen macht.

Der Name Draisine geht auf den badischen Erfinder Karl Freiherr von Drais (1785-1851) zurück, der um 1815 die erste pferdelose Laufmaschine erprobte. Später dienten Draisinen Eisenbahnern als Fortbewegungsmittel bei Streckeninspektionen und Instandhaltungsarbeiten. Um die 30 Draisinenstrecken gibt es heute als Touristenattraktion in Deutschland, die meisten im Großraum Berlin. Die Betreiber haben stillgelegte Bahnnebenstrecken gepachtet oder gekauft und lassen Fahrzeuge unterschiedlichen Stils laufen. Die gängigsten Modelle sind Handhebel-, Fahrrad- und Kartdraisinen. Der neueste Trend sind Elektro-Draisinen. Ähnlich wie beim E-Bike kann ein Motor zugeschaltet werden.

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23 Kilometer lang ist der Schienenstrang, den Ralf Schwanebeck von der Deutschen Bahn erworben hat: „Vor 15 Jahren fuhren hier noch Güter- und Personenzüge auf den Gleisen von Wismar bis Karow.“ Heute werden 28 Grad im Schatten erwartet. Von den 40 verfügbaren Fahrzeugen sind nur zehn reserviert. „Bei dem heißen Wetter legen sich die Leute lieber an einen der Seen als auf der Draisine zu schwitzen“, meint Schwanebeck: „Das beste Draisinenwetter ist leicht bedeckter Himmel oder auch ein bisschen Nieselregen.“

Nach 13 Kilometern erreichen die ersten Fahrzeuge die Kleinstadt Goldberg. Um die Hauptstraße zu überqueren, muss die Draisine zunächst vor einer Schranke halten. Das kommt mehrmals vor, wenn die Gleise Wege und Straßen kreuzen. Autos haben Vorfahrt. Per Hand lassen sich die Schranken leicht öffnen und schließen. Nach kurzer Pause auf dem Picknickplatz geht es weiter. Neun sehr gepflegte Rastplätze verteilen sich entlang der Strecke. Kurz hinter Goldberg haben sich mehrere Dutzend braune Rinder um ein Wasserloch versammelt. Abkühlung ist ihnen heute wichtiger als vorbeirollenden Draisinen hinterher zu laufen.

Wer sich richtig „auspowern“ möchte, kann auch eine Kombi-Tour buchen. In Goldberg wechselt man von Draisine zum Kanu und paddelt zwei Stunden lang auf dem Flüsschen Mildenitz und über den Dobbertiner See. Direkt am Seeufer liegt das 1220 gegründete Benediktiner-Kloster. Nach der Reformation wurde es ein adliges Damenstift. Seit 1960 ist es Wirkungsstätte für geistig behinderte und psychisch kranke Menschen. Per Fahrrad geht es von Dobbertin nach Goldberg zurück, bevor man sich am späten Nachmittag mit der Draisine auf den Rückweg begibt.

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Wer nur die Draisinentour bucht, muss spätestens, ganz gleich wo er sich gerade befindet, um 13 Uhr wenden. So kommen sich die Vehikel auf der eingleisigen Strecke nicht ins Gehege. Auch „Überholen“ ist kein Problem. Man tauscht die Draisine einfach mit dem langsamer fahrenden Vordermann und hat wieder freie Fahrt.

Bei guter Kondition ist die Endstation Borkow in drei Stunden zu bewältigen. Es gibt zwar ab und zu leichte Erhebungen, aber insgesamt verläuft die Trasse eben. „Mein besonderer Tipp ist der kleine Waldsee an der vorletzten Station“, verrät Ralf Schwanebeck: „Einfach die Draisine aus den Schienen heben und nach einem erfrischenden Bad ist jeder fit für die Rückfahrt.“

Gegen 17 Uhr sind alle Draisinen wieder am Ausgangspunkt eingetroffen. Auch einer der älteren Herren aus Kiel, der acht Jahre lang kein Fahrrad mehr gefahren war, hat es geschafft und strahlt. Und Meister Lampe hat endlich den Schienenstrang wieder für sich.

Train Journey Informationen

Meckenburger Draisinenbahn
Karow – Borkow
19395 Karow
Ausleihstation: Damerow-Kaserne an der B 192
Gesamtstreckenlänge zirka 23 km (eine Richtung)
E-Mail: info@draisine-mecklenburg.de
www.draisine-mecklenburg.de
Saison: 1. April bis 31. Oktober
Angebot: Tages- Mittags- und Abendfahrten Gegen Aufpreis sind Elektrodraisinen buchbar, damit es noch leichter geht.

Eine weitere Draisinenstrecke (Länge 13 km) desselben Betreibers gibt es zwischen Waren/Müritz und Schwinkendorf.

Weitere Draisinenstrecken in Deutschland unter
www.draisinenfahrten.de und www.draisinenbahn.de

Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern e.V.
Platz der Freundschaft 1
18059 Rostock
Tel. 0381-4030-550
www.auf-nach-mv.de

© Dagmar Krappe (Text), Axel Baumann (Fotos)

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