50 Jahre alt – und noch kein altes Eisen

4. Januar 2015 | Von | Kategorie: ° Video, Deutschland, Die Reportage

2016 wird die „Erste Museums-Eisenbahn Deutschlands“ 50 Jahre alt und rattert munterer denn je. Viele junge Leute gehören dem Deutschen Eisenbahn-Verein an, der das „längste Museum Niedersachsens“ mit viel Engagement hegt und pflegt.

Lokführer Andreas Boye lässt die Dampfpfeife ertönen. In einer langgezogenen Rechtskurve verlässt die 115 Jahre alte Lok „Hoya“ den Bahnhof Bruchhausen-Vilsen und begibt sich mit fünf Holzklasse-Wagen, die aus dem frühen 20. Jahrhundert stammen, auf die acht Kilometer lange Reise über Heiligenberg nach Asendorf. Am Rande des Naturparks Wildeshauser Geest und zeitweilig direkt entlang der Bundesstraße 6, die Hannover mit Bremen verbindet, verläuft die acht Kilometer lange, meterspurige Trasse.

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„Ab 1890 entstanden in dünnbesiedelten Landstrichen Kleinbahnen als Normal- und Schmalspurbahn“, berichtet Andreas Boye: „Sie waren damals die Alternative zum Pferdefuhrwerk. Man konnte mehr und preisgünstiger transportieren – insbesondere Schweine, Kartoffeln, Zuckerrüben, Kohlen und Dünger. Doch auch viele Menschen nutzten die Nebenbahnen, um in weiter entfernten Orten arbeiten zu können.“ Nach und nach übernahmen ab den 1950er Jahren Bus, Auto und LKW Beförderung und Transport. Viele Verbindungen wurden stillgelegt und abgebaut. Lokomotiven und Waggons verschrottet.

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Dass die Linie zwischen Bruchhausen-Vilsen und Asendorf erhalten blieb, ist vier Hamburger Eisenbahnenthusiasten zu verdanken. An der Haltestelle „Vilser Ort“ hat sich Harald Kindermann, einer der vier Gründer des Deutschen Eisenbahn-Vereins, ein Haus errichtet, um „seiner Bahn“ ganz nah zu sein. „Wie viele Jungs habe ich mir als Kind eine elektrische Eisenbahn gewünscht“, erzählt der inzwischen 80-Jährige: „Nur mitten im Zweiten Weltkrieg blieb ein solcher Wunsch unerfüllt.“ Doch die Liebe zu Zügen blieb. Mit Mitte zwanzig fuhr der Hamburger quer durch Schleswig-Holstein und Niedersachsen und fotografierte Privatbahnen. „Das war bereits zu einem Zeitpunkt als immer mehr von der Bildfläche verschwanden“.

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Diesem Trend wollte Harald Kindermann entgegenwirken und versuchen, Nebenstrecken zu erhalten. Ursprünglich hatte er die bereits stillgelegte, aber noch nicht demontierte Hamburger Kleinbahn von Ohlstedt nach Wohldorf ins Auge gefasst. Dann die Steinhuder-Meer-Bahn nordwestlich von Hannover. Doch aus beiden Plänen wurde nichts.

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Am 21. November 1964 gründete Harald Kindermann zusammen mit seine Frau und zwei Freunden den Deutschen Kleinbahn-Verein (heute Deutscher Eisenbahn-Verein – DEV). Inzwischen gehören der Organisation rund 1.100 Mitglieder an, von denen 120 regelmäßig aktiv sind. Nach vielen Verhandlungen startete am 2. Juli 1966 die „Erste Museums-Eisenbahn Deutschlands“ – mit der Lok „Bruchhausen“ (Baujahr 1899) und zunächst einem einzigen Personenwagen aus dem Jahr 1904.

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Hinterm Kurpark wird es hügelig. Bis zum Vilser Holz muss Heizer Karl Alms einige Schaufeln Kohle mehr auflegen. „Für die 16 Kilometer hin und zurück benötigen wir 400 Kilo Kohlen und zwei Kubikliter Wasser“, verrät Lokführer Andreas Boye. Nachdem er sich in Bruchhausen-Vilsen vor 32 Jahren vom Dampflokvirus infizieren ließ und dem Verein beitrat, wurde er auch im Hauptberuf Lokführer bei einer privaten Eisenbahngesellschaft. „Aber ich brauche den Geruch von Kohle. Sechs bis acht Wochenenden im Jahr tobe ich mich hier im Museum aus.“ Schon schnauft der Zug aus dem Wald hinaus in eine weite Landschaft mit verstreuten Bauerngehöften. Raps- und Spargelfelder prägen die Region im Frühjahr. Maishalme wiegen sich im Herbstwind. An der Endstation Asendorf wird Lok „Hoya“ an das hintere Ende der Wagenreihe umgesetzt, um im Rückwärtsgang die Heimreise anzutreten.

Arbeitsanfang einer Lok

„An die 100 Fahrzeuge hat der DEV im Laufe von fast 50 Jahren aus vielen Teilen Deutschlands erworben. Einige hatten nur noch Schrottwert, andere dienten als Hühnerställe oder Lagerräume“, sagt Andreas Boye. Am Bahnhof Bruchhausen-Vilsen können in der Fahrzeughalle und Werkstatt restaurierte Dampf- und Dieselloks, Trieb-, Personen-, Pack-, Post- und Güterwagen, aber auch noch einige Waggon-Skelette bestaunt werden. Bei Sonderveranstaltungen wird auf dem Zweispurbahnhof auch das Umsetzen von Regel- auf Schmalspur über die Rollbockanlage gezeigt und die Drehscheibe in Betrieb genommen, die ebenso wie die Hallen in Eigenarbeit neu errichtet wurde. An historischen Wochenenden präsentieren sich die Eisenbahner in Uniformen aus der Zeit um 1900. An normalen Betriebstagen sind sie ihnen auf ihren Touren durch „Niedersachsens längstes Museum“ leiderzu warm.

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Informationen
Deutscher Eisenbahn-Verein e. V.
Bahnhof 1, 27305 Bruchhausen-Vilsen
Tel.: 04252 93 00 21 (Bahnhofsbüro, Mo – Fr von 10 bis 12 Uhr, ansonsten Anrufbeantworter)
Tel.: 04525 93 00 34 (Fahrkartenausgabe – nur erreichbar an Betriebstagen)
Fax: 04252 93 00 12 (Bahnhofsbüro)
E-Mail: info@museumseisenbahn.de
Internet: www.museumseisenbahn.de

Die „Erste Museums-Eisenbahn Deutschlands“ verkehrt vom 1. Mai bis Anfang Oktober.

Update 1.08.2015
Hier die Vorschau Jubiläumsprogramm 2016
 

© Dagmar Krappe (Text), Axel Baumann (Fotos / Video)

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